Das neue Menschenbild

Mai 16, 2010

Ist das Menschenbild, das der Managementlehre zugrunde liegt, realistisch? Damit sind wir mittendrin in einer der ältesten Fragen der Menschheit, nämlich: wie ist der Mensch? Gut? Oder doch böse? Oder beides? Die einen so – die anderen so?

Jeder Mensch hat dazu eine Meinung – bewusst oder unbewusst. Diese Meinung (oder dieses Wissen) entscheidet darüber, wie wir uns und anderen begegnen.  Möglicherweise halten Sie dieses Thema für vollkommen irrelevant für die Unternehmensführung. Tatsächlich ist es von allergrößter Bedeutung, denn von dieser Vorstellung wird ganz entscheidend unsere Wahrnehmung und unser Verhalten geprägt.

En kleines Gedankenexperiment:  Begeben Sie sich einmal in die vorherrschende Vorstellung, der Mensch sei im Grunde nichts anderes als ein weiterentwickeltes Raubtier, das nur oberflächlich zur Höflichkeit erzogen wurde, aber im tiefsten Inneren aggressiv und auf seinen eigenen Vorteil aus ist. Stellen Sie sich vor, jeder Mensch sei auf seinen eignen Vorteil bedacht und ihm sei praktisch jedes Mittel recht, um seinen Vorteil durchzusetzen. Wie werden Sie sich diesem Wesen nähern? Sicherlich mit dem gleichen Respekt, mit dem sie sich einem Tigerkäfig nähern. Auf jeden Fall wird man erst einmal auf eine Gefährdung  vorbereitet sein und eine grundsätzlich misstrauische Haltung einnehmen, bis sie sich von einem besseren überzeugt haben (sofern Sie dazu überhaupt motiviert sind).

Nun stellen Sie sich vor, dass alle Menschen von Natur aus gutmütige Kuschelhasen sind, die im Grunde nichts anderes wollen als Anerkennung und Wertschätzung. Wie werden Sie sich so einem Wesen nähern? Entscheiden Sie selbst.   Und überlegen Sie, wie Sie mit dem einen oder dem anderen Menschenbild ihren Kunden und Mitarbeitern begegnen würden.

Wie ist nun die Natur des Menschen?

Jahrhundertelang war (und ist es teilweise noch heute) die Kirche die maßgebliche Instanz zur Erklärung der Welt. Demnach wird  der Mensch schon belastet mit der Erbsünde geboren und bedarf der Erlösung durch göttliche Macht. Anders ausgedrückt: der Mensch ist von Natur aus schlecht und kann sich nur mit göttlicher Hilfe und Erlösung zum Guten hin wenden. Neuere Interpretationen gehen weniger hart  mit dem Menschen ins Gericht: Benedikt XVI sieht keine biologisch-genetische Vererbung am Werke, sondern die kollektiven historischen Verstrickungen, in die jeder Mensch hinein geboren wird. Doch egal woran es liegt: der Mensch ist erst einmal „schlecht“ im Sinne von sündig und zum Guten erst fähig durch entsprechende Wertevermittlung und Erziehung.

In den Naturwissenschaften kam der Mensch bis vor kurzem auch nicht viel besser weg:

Seit Charles Darwin hat sich die Biologie eine Stimme in der von Kirchen und Philosophen beherrschten  Menschenbild-Diskussion erobert. Der „Struggle for Survival“, der Kampf ums Überleben, gelte für alle Spezies, also auch für den Menschen. Damit ist die Grundhaltung klar: es geht um Kampf; und es geht um die enge evolutionäre Verwandtschaft zwischen allen Spezies. Dass unsere (kämpferischen) Gene unser menschliches Sein determinieren machte  später der Zoologe Edward O.Wilson, Verfasser des Standardwerkes „Sociobiology“ im Jahr 1975 populär; ein Jahr später  veröffentlichte der britische Biologe Richard Dawkins sein Werk „The Selfish Gene“ (deutsch: Das egoistische Gen).  Demnach ist der Mensch genau wie Tiere oder Pflanzen lediglich eine „Überlebenshülle“  für eine unsterbliche Ur-DNA, die sich um jeden Preis erhalten und verbreiten will. Urquelle jeglicher Motivation des Menschen ist  die Fortpflanzung; er ist  beherrscht davon, seine Gene im Wettbewerb gegen die eigenen Vertreter seiner Spezies weitergeben zu müssen.  Zu kooperativem und sozialem Verhalten ist der Mensch nur fähig um seine Wettbewerbsvorteile im Kampf um die besten Fortpflanzungschancen und um die  Aufzucht seiner Nachkommen zu sichern.

Auf den ersten Blick ein bestechender Ansatz, denn er erklärt warum Männer von früh bis spät an ihrer Karriere basteln und Frauen permanent auf Diät sind und Schuhe kaufen: die einen müssen über Macht und Einfluss die günstigsten Voraussetzungen für die Ernährung der Familie bieten, die anderen müssen möglichst schön sein um im Wettbewerb um die Alphatiere zu bestehen und nebenbei noch ein gutes Rangabzeichen abzugeben. Jedem Alltagspsychologen wird nun klar, was Carla Bruni  und Nicolas Sarcozy aneinander attraktiv fanden; warum es umgekehrt aber sehr unwahrscheinlich ist dass Florian Silbereisen das Herz von Angela Merkel erobern wird.

Zurück zur ökonomischen Theorie: diese  strickt konsequent das evolutionären Muster der Soziobiologen weiter: die Starken überleben, die Schwachen gehen unter; und all das zum Nutzen des Ganzen. Wenn sich alle egoistisch verhalten, geht es allen besser. Soziale Werte gelten  im  Familienkreis zwecks Arterhalt. Ansonsten darf außerhalb der Höhlen auf den Märkten ums Überleben und um die Ressourcen gekämpft werden, um das Vermehren  der eigenen Gene zu begünstigen. Je besser (eigennutz-orientierter) sich dabei die Talente und Kräfte im Wettbewerb entfalten können, desto leistungsfähiger und produktiver wird das gesamte System in der Summe der individuellen Beiträge. Werte wie Nächstenliebe, Rücksichtnahme und Fairness sind unerwünscht: sie führen im Wettbewerb zu Nachteilen, vermindern die Leistungsfähigkeit  und verschlechtern die Produktivität.

Damit nun  zentrale (auch religiöse) Werte in der Gesellschaft nicht zu kurz kommen, muss für die Drop-outs des Wettbewerbs gesorgt werden: dazu dient das Konstrukt der sozialen Marktwirtschaft, die über ein Transfersystem von den Leistungsfähigen nimmt, um den weniger oder gar nicht Leistungsfähigen ein menschliches Dasein zu ermöglichen. So entstehen zwei Parallelwelten: auf der einen Seite das ökonomische System, in dem der Kampf ums Überleben gilt. Auf der anderen Seite das gesellschaftliche System, in dem soziale Werte (allen voran die Solidarität) gelebt werden sollen.

Der Staat steckt nun in einer misslichen Doppelrolle: einerseits soll er durch Ordnungspolitik dafür sorgen, dass der Wettbewerb unter möglichst optimalen Bedingungen  abläuft und die Gierhälse ihre Triebe ungebremst im Namen der Gütermaximierung ausleben können; andererseits muss er mit Hilfe der Fiskalpolitik die  Kollateralschäden dieses Prozesses heilen, und nebenbei für alle diejenigen Qualitäten und Güter sorgen, die „vom Markt“ nicht oder nur in zu geringer Qualität bereit gestellt werden (zum Beispiel innere und äußere Sicherheit oder Umweltschutz). Das Ganze muss dann auch noch so ausgestaltet werden, dass die Wiederwahl nicht gefährdet wird; das heisst der Reparaturbetrieb darf nicht zu vielen  Menschen weh tun.

Es ist unmittelbar einleuchtend, dass dieses in sich zerrissene Gesamtsystem in eine unglaubliche Komplexität und an den Rand des Kollapses führt.  Und es ist offensichtlich, dass es elementare, nicht-materielle  Bedürfnisse des Menschen ignoriert und zu Unheil auf vielen Ebenen führt. Nun hat  der Sozialismus (alle arbeiten zum Wohl des Ganzen) ebenfalls in den Untergang geführt und taugt nach den ersten  eher desaströsen Versuchen nicht zum Gegenentwurf.

Möglicherweise wäre ein System hilfreich, das sich an einem realistischeren Menschenbild  orientiert. Der Mensch ist nämlich keineswegs so einfach gestrickt, wie es Soziobiologie oder Ökonomie uns glauben machen wollen, sondern er ist in seiner Vielzahl vom Motiven und Bedürfnissen ein recht komplexes Wesen, an dessen Entschlüsselung die Psychologen nun schon seit einigen Jahrhunderten arbeiten. Unterstützung  bekommen sie seit kurzem von den Neurobiologen, die danke den Segnungen der Medizintechnik heute mit naturwissenschaftlicher Präzision messen, was in der psychologischen Forschung nur annäherungsweise durch Laborexperimente und Befragungen bestimmt worden konnte.

Neueren Erkenntnissen zufolge ist der Mensch keineswegs das auf Gier und Egoismus programmierte Raubtier, sondern ein Sozialwesen durch und durch. Nach der Durchsicht von 80 neurobiologischen Studien kommt Bauer von der Universität Freiburg zu folgendem Ergebnis:

„Wir sind – aus neurobiologischer Sicht – auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte wesen. Kern aller menschlichen Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben.“

„Alle Ziele, die wir im Rahmen unseres normalen Alltags verfolgen, die Ausbildung oder den Beruf betreffend, finanzielle Ziele, Anschaffungen etc. habe aus Sicht unseres Gehirn ihren tiefen, uns meist unbewussten ,Sinn‘ dadurch, dass wir damit letztlich auf zwischenmenschliche Beziehungen zielen, das heißt, diese erwerben oder erhalten wollen. Das Bemühen des Menschen, als Person gesehen zu werden, steht noch über dem, was landläufig als Selbsterhaltungstrieb bezeichnet wird.“

Die Vorstellung sei unsinnig, die Gene würden um die Weltherrschaft kämpfen ist aus Sicht der Neurowissenschaften unsinnig. „Tatsächlich weiß niemand, was die inneren Triebkämpfe der Evolution sind.“ resümiert Bauer.

Der Mensch ist also von Natur aus ein Sozialwesen. Doch was bedeutet das für die Unternehmensführung? Mehr dazu demnächst hier.


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Februar 16, 2010

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